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Beschreibung des Verlags

Die Iberische Mutter Gottes fuhr spazieren.

Aus der Tiefe ihres kerzenerhellten blaugoldschimmernden Tempelchens vor dem Eingang zum Schönen Platz am Kreml war sie von ehrfürchtigen Händen in den Wagen gehoben worden.

Da saß sie nun im prächtigen Vierspänner, ihrer ständigen Equipage, breit auf dem Vordersitz, ihr gegenüber zwei Priester in reichen scharlachroten Gewändern, Kreuz und Weihrauchgefäß vor sich hinhaltend.

Irgend eine der kleinern Glocken im Kreml bimmelte und bimmelte. Hin und wieder nur unterbrach ein vereinzelter tiefer Glockenton, lang nachdröhnend und wie verträumt, dies helle Geläute. Hoch über den verschneiten Straßen klang es unermüdlich, mit dringlicher Monotonie, in den Winterwind hinein.

Die Menge umringte den Wagen so nahe, als sie es vermochte, junge Gesichter und alte, bärtige bückten sich in gleich demutvollem Eifer, um einen Kuß auf das wunderthätige Bild zu erhaschen oder wenigstens auf den Rahmen daneben.

Ein paar elegante Offiziere, die über den Woßkreßenskiplatz herkamen, machten mitten auf dem Fahrdamm Halt, beugten das Knie in den Schnee und bekreuzigten sich feierlich mit bis zur Strenge ernsten Mienen.

Täglich fuhr die Iberische Mutter aus, um allen Besuchsanforderungen zu genügen, dennoch mußte oft ihre Gegenwart in einem Haus wochenlang vorher erfleht werden, damit sie noch Zeit dafür fand.

Langsam lenkte der imposante Kutscher, trotz der empfindlichen Kälte entblößten Hauptes, seine vier Rappen aus dem Menschenhaufen heraus.

Viele blieben noch stehn, um ihm nachzuschauen. Auf den Stufen zum Tempelchen lagerten Pilger, Bastschuhe an den tücherumwickelten Füßen, den Stab in der Hand. Mit ihren Anliegen wandten sie sich jetzt an die Kopie des Bildes, die stellvertretend im Heiligtum hing, und steckten betend brennende Wachskerzen davor auf.

So mehrte sich drinnen immer noch Licht um Licht zu erhöhtem Glanze, — von außen anzusehen wie eine mächtige gelbflimmernde Sonne, die mitten im nüchternen Alltag des Straßenlebens gleich einem leuchtenden Geheimnis dastand und winkte und winkte —.

Die Mutter Gottes im Vierspänner hatte mit nicht gar vielen Equipagen zu konkurrieren. Wer sie fahren sah, konnte sie gut für die große Dame Moskaus halten und für den Inbegriff des heiligen Mütterchens Moskau selbst.

Was da auf dem hartgefrorenen Schnee an Fuhrwerken vorüberglitt, waren fast nur kleine, niedrige Schlittchen, wie sie für wenige Kopeken sogar dem Volk zugänglich sind. Weiber mit Sack und Pack befanden sich häufig drin, Bauern in hoch um die Ohren geschlagenen Schafpelzen. Seltener schon flog eine Troika des Weges dahin, und, zugleich mit dem lustigen schellenläutenden Dreigespann, vielleicht irgend ein Lied, angestimmt von den Insassen, — ein Lied, wie es in den Theebuden zur Harfe gesungen wird oder in Sommernächten vor der Thür der Dorfhütten.

Das zitterte dann mit dem nachschwingenden Glockenton wundersam in eins zusammen, — selbst dann wundersam in eins, wenns zufällig ein Tanzlied war. Auch dann mußte es der Iberischen Mutter heimisch entgegenklingen.

Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, — das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren.

GENRE
Belletristik und Literatur
ERSCHIENEN
2019
28. Dezember
SPRACHE
DE
Deutsch
UMFANG
177
Seiten
VERLAG
Library of Alexandria
GRÖSSE
540,8
 kB

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