Wunderblume
Beschreibung des Verlags
Wunderblume
Die Entdeckung
Die Sterne schimmerten schwach durch den smogverhangenen Himmel von Nova Urbis. Die Stadt, eine fragile Mischung aus altmodischer Eleganz und Hypermoderne, schien ständig am Rande des Zusammenbruchs zu stehen. Ihre hoch aufragenden Wolkenkratzer – mit Neonnähten zusammengenäht – warfen fragmentarische Reflexionen auf die zerfallenden Ruinen einer vergessenen Zivilisation darunter.
In ihrem Labor auf dem Dach des Nova-Observatoriums scrollte Dr. Lila Kershaw durch Datenströme auf ihrer Holo-Schnittstelle. Sie war von einer Reihe leise summender Instrumente umgeben, deren rhythmisches Pulsieren ihr vertrautes Wohlbefinden bescherte. Ihre hellgrünen Augen, scharf und unnachgiebig, huschten über den Bildschirm und katalogisierten Anomalien in einem Sternhaufen weit jenseits der Milchstraße. Die Zahlen ergaben keinen Sinn – eine unmögliche Schwankung der Gravitationswellen, als ob der Weltraum selbst erzittert hätte.
Ihre Hände zögerten über dem Bildschirm. Sie beugte sich näher zur Anzeige.
„Das ist nicht … möglich“, murmelte sie.
Lila passte ihre Analyse an und verengte den Umfang, um Hintergrundgeräusche herauszufiltern. Die Anomalie blieb bestehen. Es war, als würde etwas, das außerhalb der Reichweite der Wissenschaft lag, seinen ersten, bewussten Atemzug tun.
Das Artefakt zeigte sich fast zufällig. Lila hatte den Weitwinkelscanner des Observatoriums neu kalibriert, um ihn auf den Ursprung der Anomalie auszurichten, als die Schnittstelle flackerte und dunkel wurde. Im Raum wurde es dunkel, und die Stille war ohrenbetäubend. Einen Moment lang erfüllte nur ihr scharfer Atem den Raum.
In der Ecke flackerte ein Licht – ein subtiles, fast schüchternes Leuchten, das von einem Metallfragment ausging, das hinter einem nicht mehr genutzten Terminal eingeklemmt war. Das Labor war nicht nur ihr Arbeitsplatz; es war eine Schatzkammer veralteter Technologie und vergessener Relikte, von denen viele aus den Ruinen von Nova Urbis ausgegraben worden waren. Das Fragment war immer dort gewesen und wurde als Altmetall abgetan. Aber jetzt pulsierte es schwach, fast so, als würde es auf ihre Daten reagieren.
Lila näherte sich vorsichtig. Das Fragment war anders als alles, was sie je gesehen hatte: eine gebogene Scherbe, in die kryptische Symbole eingraviert waren, die wie winzige Sternbilder über seine Oberfläche tanzten. Es fühlte sich warm an, und es ging ein rhythmischer Puls von ihm aus, wie ein Herzschlag.
Ihre anfängliche Aufregung währte jedoch nicht lange. In derselben Nacht hallte ein Klopfen durch ihre Wohnung – ein scharfes, absichtliches Geräusch, das die Einsamkeit ihres Hochhausheiligtums durchbrach. Lila warf einen Blick auf die Uhr. Nach Mitternacht kamen nicht mehr so oft Besucher.
Der Mann, der in ihrer Tür stand, war ungepflegt, sein Mantel war an den Rändern ausgefranst und seine Stiefel waren mit Schmutz aus den unteren Bezirken verkrustet. Seine dunklen Augen funkelten mit einer beunruhigenden Intensität.
„Dr. Kershaw?“ Seine Stimme war leise, krächzend, aber zuversichtlich.
Sie zögerte. „Wer fragt das?“
„Ich bin Elias Vega. Ich weiß, was Sie gefunden haben.“
Lila wurde ganz flau im Magen. Sie antwortete nicht.
Elias trat vor, seine Bewegungen waren vorsichtig, aber beharrlich. „Das Artefakt – erzähl mir nicht, dass du seine Bedeutung nicht erkennst.“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, sagte sie tonlos. Ihre Hand schwebte in der Nähe des Bedienfelds neben der Tür, bereit, den Sicherheitsdienst zu rufen.
„Ihr Laborscanner. Er hat Spuren des Mirabilis entdeckt, nicht wahr?“, sagte Elias. „Dieses Fragment – es ist der Schlüssel. Und wenn Sie es aktiviert haben, sind Sie nicht sicher.“
Der Name jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Mirabilis. Sie hatte ihn nur einmal in einem vergessenen Manuskript gelesen, das in den digitalen Archiven des Observatoriums aufbewahrt wurde – ein vager Hinweis auf ein Himmelsereignis, das das Gefüge der Realität verändern konnte. Man hatte ihn als Folklore abgetan, als Produkt des Mystizismus nach dem Zusammenbruch, der oft die Lücken füllte, die die Wissenschaft hinterlassen hatte.
„Ich glaube, du bist zu lange geblieben“, sagte Lila, ihre Stimme klang jetzt schärfer. „Gute Nacht.“
Sie wollte die Tür schließen, aber Elias drückte eine Hand dagegen. „Warte. Bitte. Du verstehst nicht, was du gefunden hast. Das ist nicht nur Wissenschaft. Es geht um mehr als uns beide.“
„Warum bist du dann hier? Warum gehst du nicht zu jemandem, der dir glaubt?“
„Weil du der Einzige bist, der es gesehen hat. Und weil ich glaube, dass du genauso sehr Antworten willst wie ich.“
Lilas Zögern verriet sie. Seine Verzweiflung und seine Gewissheit waren etwas, das ihre Skepsis untergrub. Gegen ihr besseres Wissen ließ sie ihn herein.
Drinnen blieb Elias‘ Blick auf dem Fragment haften, das in der Mitte ihres Arbeitsbereichs lag. Er fuhr sich mit der Hand über den Bartstoppeln, seine Stirn war vor Ehrfurcht und Besorgnis gerunzelt.
„Sie haben keine Ahnung, was das ist“, sagte er schließlich. „Aber ich glaube, ich weiß es.“
Lila verschränkte die Arme. „Dann kläre mich auf.“
Elias griff in seine Tasche und zog ein abgenutztes Notizbuch heraus, dessen Seiten mit Skizzen, Notizen und Ausschnitten vollgestopft waren. Er blätterte zu einer Seite mit einem komplizierten Diagramm, das die Symbole auf dem Fragment widerspiegelte.
„Diese Markierungen“, begann er und fuhr mit einem schwieligen Finger die Skizze nach, „sind im Laufe der Geschichte immer wieder aufgetaucht – auf alten Tempeln, Höhlenmalereien, sogar auf Sternenkarten. Jedes Mal, wenn sie auftauchten, wurden sie mit unerklärlichen Phänomenen in Verbindung gebracht. Wundern. Katastrophen. Sie sind Warnungen.“