Ewig Ewig

Beschreibung des Verlags

Ewig


Das Papyrusgekritzel

Der Staub war nicht nur ein Überbleibsel der Zeit; er war ihr Zeuge. Tausende Staubkörnchen schwebten im Sonnenlicht, das durch die Ritzen der hölzernen Fensterläden fiel, wie die dünnen Überreste einer Erinnerung, die nie vergessen wurde. Lia Stavrou stand schweigend am Eingang der alten Bibliothek, den Blick auf die Regale gerichtet, die sich unter der Last der Vergangenheit bogen .


Der Steinboden knarrte unter ihren Stiefeln, als sie das Innere betrat. Die in verblasstem Ocker gestrichenen Wände schienen tausend Augen zu verbergen; Worte, die nie ausgesprochen, Namen, die nie aufgezeichnet worden waren, Stimmen, die darauf warteten, erweckt zu werden. Im Herzen der Bibliothek, wo die Zeit stillstand, erwartete sie Jacques Bernard .


Ihr alter Mentor war alt geworden. Sein Haar, einst kohlrabenschwarz, war nun silbern. Doch seine Augen – diese blauen Augen – hatten sich nicht verändert. Sie hatten immer noch diesen Glanz des Wissens, aber auch der Schuld.


Zach (ohne aufzusehen): „Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell kommst. Wie lange ist es her? Drei Jahre?“


Leah (mit leiser Stimme, aber mit Bestimmtheit): „Seit das Siegel auf dem Tagebuch meines Vaters zerbrochen ist. Und seit ich den Namen … Jeremiah gefunden habe .“


Zach hob langsam den Kopf. Sein Gesicht zeigte keine Überraschung, nur tiefe, fast traurige Akzeptanz.


Zach: „Du wusstest schon immer, wie man Stille liest, Leah. Und ich … ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest. Dein Blut würde die Vergangenheit nicht ruhen lassen.“


Leah näherte sich dem Holztisch. Darauf lagen Manuskripte, Tinte, Notizen in winziger Handschrift und ein Papyrus – alt, rissig, kaum lesbar. Etwas Elektrisierendes lag in der Luft, ein Hauch aus einer anderen Zeit. Es war nicht nur ein Stück Papier; es war eine Kritzelei.


Ihr eigener Witz.


Leah: „Ist er das?“


Jacques: „Der Papyrus des Memorandums des Dritten Siegels. Er wurde nach der Plünderung von 1801 im Keller dieser Bibliothek versteckt. Und erst vor einem Monat tauchte er auf … oder vielmehr kehrte er zurück.“


Leah: „Er ist zurück?“


Zach: „Manche Dinge reisen anders, als wir denken. Manche Geschichten warten nicht darauf, dass man sie findet – sie kommen zu einem.“


Leah berührte den Papyrus vorsichtig, fast ehrfürchtig. Ihre Finger folgten den Spiralen eines Musters: einem ringförmigen Portal, eingraviert mit Codes, ähnlich denen, die sie Jahre zuvor auf der Kinderkarte ihres Bruders gefunden hatte.


Erin … Sein Name kam ihr plötzlich in den Sinn, mit derselben Bedeutung wie damals, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – in jener Dämmerung auf dem Felsen, kurz bevor er verschwand.


Leah (langsam): „Es stimmte. Als er mir erzählte, er habe die Zeit sprechen gehört, war das keine Illusion. Es war … eine Berufung.“


Jacques kam näher. Er hielt eine alte Lupe mit Messingrahmen in der Hand.


Zach: „Schau mal hier, in diesem Abschnitt. Das Wort ‚Zyklus‘ erscheint dreimal, zusammen mit dem Satz ‚Das Tor öffnet sich nur bei der Rückkehr, nie bei der Ankunft.‘ Wenn das kein klarer Hinweis auf den Zeitmechanismus der Insel ist, dann weiß ich auch nicht.“


Leah: „ Eremia existiert also. Und das Tor auch. Es war nicht nur ein Mythos.“


Zach: „Nein, aber vielleicht hätte er so bleiben sollen.“


Leah sah ihn überrascht an. Etwas in seinen Worten klang warnend, wie ein alter Psalm, der nie endete.


Leah: „Du weißt mehr, als du sagst. Stimmt das nicht?“


Zach: „Einmal, ja. Ich war Teil einer kleinen Gruppe, die vor dem Krieg nach dem Tor suchte. Erin … ging nicht allein. Wir führten ihn. Und … wir scheiterten.“


Leah erstarrte.


Leah (mit angespannter Stimme): „Du wusstest es. Und trotzdem … hast du es vor mir geheim gehalten.“


Zach: „Du warst damals nicht bereit. Ich auch nicht. Das Tor … verzerrt sich. Es öffnet sich nicht nur rückwärts. Es zieht dich hinein, es bricht dich. Und es zwingt dich, nicht zu sehen, was du warst, sondern was du sein könntest, wenn …“


Leah (düster): „…wenn du es anders gemacht hättest.“


Stille. Dann nur noch das Rascheln von Buchseiten irgendwo hinter ihnen. Vielleicht war es der Wind, vielleicht auch nicht.


Leah zog sich einen Stuhl heran. Sie setzte sich vor den Papyrus und öffnete ihr eigenes Notizbuch. Die Buchstaben auf dem Papyrus waren nicht nur in einer Sprache verfasst – sie bildeten ein Mosaik. Archaisches Griechisch, Koptisch und eine Form proto -ägyptischer Ideogramme, die noch nicht vollständig entziffert worden waren. Das war ihre erste Herausforderung.


Lia: „Ich brauche jemanden, der die Strömungen lesen kann. Der mich dorthin bringt, zur Insel.“


Jacques (mit einem leichten Lachen): „Du hast immer eine Lösung, bevor das Problem überhaupt aufgedeckt wird. Da ist jemand … Aris Kalyvas. Ehemaliger Seemann, jetzt privater Seekartenforscher. Er ist gefährlich – und etwas labil. Aber er kennt das Mittelmeer wie seine Westentasche. Wenn es die Insel gibt, wird er sie finden.“


Leah: „Dann ist das mein nächster Halt.“

GENRE
Belletristik und Literatur
ERSCHIENEN
2025
12. Juli
SPRACHE
DE
Deutsch
UMFANG
498
Seiten
VERLAG
Kyriakh Kampouridoy
GRÖSSE
1.5
 MB
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