Leuchtturm
Beschreibung des Verlags
Leuchtturm
ANKUNFT AM LEUCHTTURM
Das Meer erstreckte sich weit vor ihr, ein ausgedehnter Teppich aus silbernen Wellen, die das letzte Licht des Sonnenuntergangs reflektierten. Emilia stand am Rande des Ostens, der Nebel am Horizont zitterte wie in einem Traum, während die Stimme des Windes ferne, fast unmerkliche Flüstertöne aus den Tiefen der Zeit herüberbrachte. Ihr Herz schlug schnell, gemischt mit Angst und Neugier; Jeder ihrer Schritte auf dem losen Schotter des Weges hallte wie ein Vorbote einer Mission wider, die ihre Grenzen überschritt.
──Hier werde ich die nächsten Wochen verbringen, dachte sie, als sie den Steinturm betrachtete, der sich vor ihr erhob. Der Leuchtturm der Trockenküste. Sein Name erinnerte ihn an Verlassenheit, Stille und verborgene Geheimnisse; alles, was er suchen wollte.
Der Leuchtturm wurde auf einer Klippe errichtet, die das Meer in eine halbkreisförmige Sandküste geschnitten hatte. Die zerbrochenen Verkleidungsständer am zylindrischen Gebäudekörper und die rostigen Metalltreppen zeugten von jahrelanger Vernachlässigung. Die Bullaugen an den Granitwänden waren dem Zahn der Zeit ausgesetzt; Doch selbst durch die Ritzen konnte er das schillernde Licht einer alten Taschenlampe erkennen, wie ein Flüstern älterer Leuchttürme, die noch immer in den Träumen der Seeleute leuchten.
Emilia zog die Kapuze ihres Samtumhangs enger um ihre Schultern. Der Wind, beladen mit dem Geruch von Salzlake und Feuchtigkeit, jagte ihr beim Aufstieg den Schauer über den Rücken. Jeder Schritt war in die Vergangenheit gerichtet; Sie hatte das Gefühl, als würde sie eine Straße der Zeit überqueren, wo das Flüstern ihrer Vorfahren kurz in ihren Ohren widerhallte. Gedanken an ihre Familie, an ihren Vater, der auf den Seeweg aufgebrochen war, und an ihre Mutter, die ihr beigebracht hatte, die Zeichen des Himmels zu deuten, fesselten ihre Seele.
Plötzlich raubte ihr ein lauter Knall den Atem. Sie blickte hinter sich: Ein Stück Holz von einem alten Geländer hatte sich gelöst und war auf den Felsen gefallen. Das Geräusch, wie eine Warnung, ließ ihr Herz für einen Moment erstarren. Dann verstummte der Wind und zurückblieben nur das Rauschen des Meeres und das Grollen des nahenden Sturms.
Er betrat das Licht des Leuchtturms. Die schwere, vom Salzwasser vergoldete Holztür öffnete sich mit einem dumpfen Knall. Staub legte sich auf ihre Füße, Zeichen jahrelangen Schweigens; An den Wänden waren jedoch noch Spuren der Malereien zu sehen: Wellen, Schiffe und die Hoffnungen Schiffbrüchiger auf der Suche nach Schutz. In ihren Augen malte er eine Erinnerung, die sie nicht erlebt hatte; wie ein Bild aus einem Traum.
Er holte tief Luft und ging den kreisförmigen Flur entlang. Eine dekorative Treppe mit Balustraden führte nach oben, durch die Meereserosion verfärbt. Von oben schien Licht, doch die Lampe war aus und der Dunkelheit überlassen. Die Wände waren dicht mit halb verblassten Buchstaben bedeckt, vielleicht die letzten Spuren der Seeleute, die hier in den vergangenen Jahren Zuflucht gesucht hatten. Es gab Gräben in Form von Kreuzen und Kreisen; Symbole, die Emilia aus ihren Träumen als vertraut erkannte.
──Das ist ihr erster Bezugspunkt, flüsterte sie vor sich hin. Und doch flüsterte ihr etwas in ihrem Inneren zu, dass diese Flecken kein Zufall waren. Sie waren wie Teile eines Puzzles, das sich vor ihren Augen zu entfalten begann.
Mit der Taschenlampe in der Hand begann er, die Inschriften sorgfältig zu untersuchen. Jedes Zeichen wurde mit solcher Sorgfalt geschnitzt, als wäre es geschaffen, um die Zeit zu überdauern. Sie spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Die Erinnerungen an ihre Vorfahren, die das Licht der Welt bewachten, schienen in der Luft zu erwachen. Neben einem Symbol, das einen von vier Linien umgebenen Kreis darstellte, erinnerte sie ein eingravierter Satz in Latein an einen Traum:
„Licht in der Dunkelheit“ Glanz und Dunkelheit Sie haben es nicht begriffen .“
──Das Licht scheint in der Dunkelheit, und die Dunkelheit hat es nicht verstanden, übersetzte er leise. Der Satz pulsierte wie ein Puls in ihrem Inneren, denn sie spürte, dass dort, in einer Ecke verborgen, das Herz des alten Geheimnisses lag.
Plötzlich durchdrang ein donnerndes Geräusch das Gebäude; als ob ein Blitz in die gewölbte Antenne des Leuchtturms einschlagen würde. Das Glas in der hohen Kuppel vibriert und durchbricht die letzten Reste der Stille. Der Sturm näherte sich; Die ersten Wolken sammelten sich wie dunkle Wächter des Himmels.
Emilia spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror; die Außentür schlug mit einem dumpfen Knall hinter ihr zu. In der Dunkelheit des Korridors blieben nur das schwache Licht der Taschenlampe und die Schatten, die an den Wänden tanzten. Und dann hörte er das Flüstern; eine dünne, fast unverständliche Stimme, die aus den Tiefen der Mauer zu kommen schien: