Glitzern
Beschreibung des Verlags
Glitzern
Zurückkehren
Das Schiff schnitt leise durch die Wasser und hinterließ einen Schaum, der sich wie ein halb verwischter Pfad ausbreitete. Eleni stand an Deck; der Wind zerzauste ihr Haar, und das Salz klebte an ihrer Haut. Sie war seit Jahren nicht mehr auf einem Schiff gewesen; ihre letzten Erinnerungen an die Reise zur Insel waren erfüllt von Kinderstimmen, kleinen Koffern und der beharrlichen Hand ihrer Schwester, die sie festhielt, als sie einst heimlich den Leuchtturm betraten, mit Augen voller Angst und Neugier. Jetzt, mit fünfzig, kam ihr dieselbe Landschaft vertraut und fremd zugleich vor.
Paleochori ragte vor ihr auf wie eine Theaterbühne, die gerade beleuchtet wurde. Die weiß getünchten und vom Zahn der Zeit halb verwitterten Häuser strahlten Beständigkeit aus. Der Leuchtturm stand einsam am Rand, als neige er sich leicht zum Meer; als trüge auch er die Müdigkeit der Jahre in sich. Eleni spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog; sie wusste nicht, ob es Nostalgie oder Angst war.
Sie verließ das Schiff mit einem alten Koffer, schwer beladen mit Kleidung und noch schwerer mit der Stille, die er in sich trug. Ihre Augen suchten unbewusst nach einem vertrauten Gesicht; doch der Pier war voller Fremder. Touristen mit Rucksäcken, herumlaufende Kinder, Fischer, die Käfige voller Wolfsbarsche trugen. Weder Anna noch Marina waren gekommen. Sie hatte es ganz sicher nicht erwartet. Diese Reise gehörte ihr, ohne Händeschütteln und ohne Begrüßung.
Der Weg zu ihrem Elternhaus empfing sie mit demselben Geruch: Jasmin aus den Höfen, Feuchtigkeit von den Steinen, Rauch vom Holz, das manche Leute noch zum Kochen verwendeten. Jeder Schritt brachte sie ihrer Kindheit näher; die gepflasterte Straße hallte im gleichen Rhythmus wider, als wären Jahrzehnte nicht vergangen. Sie stand vor der Tür; der hölzernen, einst grün, jetzt verblasst, mit rostigem Eisen. Sie steckte den Schlüssel hinein und drehte ihn langsam; ein Knarren breitete sich im leeren Haus aus.
Der Innenraum traf sie wie eine Welle. Überall Staub; die Vorhänge schwer, vergilbt; die Stühle mit verblichenen Stoffen; der Geruch von altem Holz vermischte sich mit Schimmel. Sie ging durch das Wohnzimmer und berührte das Foto ihrer Eltern an der Wand; ihr Lächeln schien sie mit Klage, aber auch mit einer seltsamen Zuneigung anzublicken.
Sie ging zu dem Zimmer, das sie einst mit Anna geteilt hatte. Dort fand sie die Schachtel. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie so schnell kommen würde; sie hatte gedacht, sie würde tagelang danach suchen und sie vielleicht zufällig finden. Doch da war sie, auf dem alten Nachttisch, als würde sie geduldig auf sie warten. Eine dunkle Holzkiste, mit einem Seil lose darumgebunden.
Eleni stand auf; sie berührte es nicht sofort. Ihr Blick wanderte zum Fenster; draußen glänzte das Meer, voller kleiner Spiegelungen, die sich auf den Steinen brachen. Sie dachte an ihre Mutter, wie sie die Dinge immer ordentlich in Kisten verstaute; und an ihren Vater, der immer sagte: „Jede Kiste verbirgt etwas, auch wenn sie leer ist.“ Sie neigte leicht den Kopf, als warte sie darauf, ihre Stimmen zu hören. Doch die Stille war bedrückend.
Sie streckte die Hand aus; das Seil löste sich und löste den Knoten. Der Deckel knarrte, als er sich öffnete. Darin stapelten sich vergilbte Briefe, Schwarzweißfotos und kleine Gegenstände: ein rostiger Schlüssel, eine Perle, eine Kassette mit der Aufschrift „Sommer ’85“. Ihr Herz klopfte wie wild. Hastig schloss sie die Kiste wieder, als hätte sie etwas geöffnet, was sie nicht hätte öffnen sollen.
Die Haustür knarrte; jemand war hereingekommen. Eleni stand auf und hielt ihre Hand immer noch auf der Kiste.
– Helen? Bist du hier?
Es war Katerina, die Nachbarin. Die alte Frau kam langsam herein, einen kleinen Korb mit Feigen in der Hand. Ihr Gesicht strahlte, ihre Augen funkelten, als sähe sie ein verlorenes Kind zurückkehren.
– Willkommen… ich hätte nicht gedacht, dass du zurückkommst.
Helen lächelte verlegen.
– Ich habe es auch nicht geglaubt, Katerina.
Die Frau stellte den Korb auf den Tisch.
– Das Haus hat auf dich gewartet. Und wir alle auch. Aber weißt du, nichts ist gleich geblieben.
Eleni nickte. Sie hatte das Gefühl, dass dieser Satz Gewicht hatte, nicht nur für das Dorf, sondern auch für das, was in der Kiste verborgen war.
Sie saßen zusammen in der Küche. Katerina schnitt eine Feige auf und bot sie Eleni an.
– Anna?, fragte Eleni und versuchte, ihre Stimme neutral zu halten.
Der Nachbar seufzte.
– Sie ist hier … aber ich weiß nicht, ob sie bereit ist, dich zu sehen. Sie trägt viel in sich. Du weißt es besser.
Eleni blickte auf den Tisch hinunter. Die darauf folgende Stille war bedrückend; nur das Zirpen der Zikaden draußen unterbrach sie.
– Und Marina?, fuhr er zögernd fort.
– Ich habe Ihre Tochter letzten Sommer gesehen. Wie Sie, klein, aber mit einem härteren Blick. Sie hat das Meer und die Stadt in sich. Denken Sie nicht, dass sie sich um Sie kümmert; sie wartet nur.