Genuss
Publisher Description
Genuss
Die Aufgabe
An jenem Morgen lag das Meer spiegelglatt da. Nur ein langsames Atmen, als hielte es etwas in sich und zögerte, es loszulassen. Die Schwüle hing schwer über dem Hafen und klebte an den Metallgeländern und den Fenstern der Busse, die mit schweigenden Fahrgästen vorbeifuhren.
Die Stadt wacht in letzter Zeit früh auf. Nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Sorge.
Die Kräne waren vor drei Wochen aufgetaucht. Nachts erschienen sie, erleuchtet wie schwebende Gebilde, und am nächsten Morgen standen sie bereits fest am Horizont. Manche fotografierten sie, andere schauten weg. Doch jeder wusste, warum sie da waren.
Der Deal.
Das Wort machte überall die Runde, ohne jemals vollständig erklärt zu werden. In Zeitungen wurde es als Chance dargestellt, in Cafés als Bedrohung, in städtischen Bekanntmachungen als unausweichliche Entwicklung.
Im Mediationsbüro im dritten Stock eines alten Verwaltungsgebäudes hatte die Stille eine andere Bedeutung. Dort mussten Worte erst Bedeutung erlangen.
Das Fenster war halb geöffnet. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem von Papier und Kaffee, der schon eine Weile in der Tasse gestanden hatte. Das Notizbuch lag bereits aufgeschlagen auf dem Schreibtisch, die Zeilen sauber, das Datum sorgfältig eingetragen.
Ich erinnere mich nicht, wann ich angefangen habe zu schreiben, bevor überhaupt etwas passierte. Vielleicht, als mir klar wurde, dass mein Gedächtnis unzuverlässig ist; oder als ich aufhörte, meinen eigenen Entscheidungen zu vertrauen.
Der Auftrag war elektronisch eingegangen, schlicht und formell. Ein Sozialmediationsprogramm für den reibungslosen Übergang des Gebiets zu einem neuen Entwicklungsregime. Die Worte klangen neutral, fast höflich. Doch dahinter verbargen sich Menschen, die umziehen mussten, Verträge, die Leben verändern würden, Unterschriften, die Straßen sperren würden.
Am unteren Rand der Seite befand sich die Unterschrift des Bürgermeisters.
Er hatte es dreimal gelesen, bevor er antwortete.
Neutralität war schon immer ihre Stärke gewesen. Zuzuhören, ohne Partei zu ergreifen; Wut in Zustimmung umzuwandeln. Das war es, was man von ihr verlangte. Das war es, was sie konnte.
Das Telefon klingelte leise, fast zögernd.
„Die ersten Bürger sind bereits eingetroffen“, sagte der Sekretär. „Sie wollen früher einreisen.“
„Lasst sie ein wenig warten“, erwiderte er gelassen. „Wir fangen pünktlich an.“
Er schloss die Tür und blickte hinaus auf den Hafen. Ein Mann ging die Mole entlang, die Hände in den Taschen, den Oberkörper nach vorn gebeugt, als wehre er sich gegen einen unsichtbaren Wind.
Die Stadt hatte sich verändert. Die Menschen gingen schneller, sprachen leiser. Als hätten sie Angst, jemand könnte ihnen zuhören.
Das erste Treffen fand im Sitzungssaal des Stadtrats statt. Holzbänke, knarrende Mikrofone, alte Lampen, die dem Raum eine gelbliche, müde Atmosphäre verliehen.
Als er eintrat, verstummte das Geflüster für einen Moment. Nicht aus Respekt, sondern aus Erwartung.
Er beobachtete sie stets, bevor er sprach. Angespannte Gesichter, suchende Blicke nach einem Verbündeten. Ein alter Mann hielt eine Mappe voller Dokumente in den Händen. Eine Frau hatte die Arme verschränkt, die Fingernägel gruben sich in ihre Ellbogen.
Auf der anderen Seite des Raumes saßen die Firmenvertreter. Dunkle Anzüge, Laptops aufgeklappt, professionelles Lächeln.